Für Bewegungsfreiheit. Anti-Lager action Tour [pdf]
Bramsche-Berlin-Eisenhüttenstadt-Halberstadt-Hannover-Neuss-Parchim/Tramm...
heißen einige der Namen auf der Landkarte mit den Nicht-Orten,
Orten des DRAUSSEN für die, die draußen bleiben sollen
auch im Inneren dieses Landes.
Abschiebeknäste - Abschiebelager - Aufnahmelager - Ausreisezentren
- Containerlager - Gemeinschaftsunterkünfte - Flüchtlingswohnheime
- ZASTen... buchstabiert sich das Alphabet der Flüchtlingslager
in Deutschland.
Abschotten - abschrecken - abwerten - ausgrenzen - demütigen
- einsperren - isolieren - ignorieren - illegalisieren - unterdrücken
- verwalten - vergewaltigen - verfolgen - zusammenpferchen...
lautet die Deklination der Entrechtung all derer, die in Lagern leben
müssen, hier und nebenan.
Seit es Flüchtlingslager in Deutschland gibt, kämpfen Menschen
jeden Tag gegen das Leben im Lager: gegen die inhumanen Bedingungen,
unter denen sie zu leben gezwungen werden, isoliert in Wäldern,
ehemaligen Militärbaracken, Industriezonen und Containerschiffen.
Der Kampf in diesen Nicht-Orten ist ein Kampf für die Rückgewinnung
von Würde und Selbstbestimmung. Ein Kampf gegen rassistische
Gesetzgebung, gegen Verfolgung durch Spezialgesetze, die Bewegungsfreiheit
versagen, Existenzmittel minimieren, im Alltag stigmatisieren und
medizinische Behandlung verweigern. Ein Kampf gegen Lebensbedingungen,
die einen verrückt und klein machen sollen. In deutschen Abschiebeknästen,
Flüchtlingslagern und -unterkünften nehmen sich so viele
Menschen das Leben wie in keinem anderen europäischen Land.
Die Kampagne gegen die Lager ist ein Kampf gegen Grenzen, die uns
unterteilen, einteilen und voneinander isolieren, uns beherrschbar,
verwertbar und verfügbar machen sollen. Diese Einteilung und
Aussonderung von Menschen machen wir nicht mit, nicht die Aufteilung
der Gesellschaften und der Welt in Zonen der Armut und des Reichtums,
des Zugangs zu Rechten und der Rechtlosigkeit, in Zonen des Krieges
und falschen Friedens. Wir wollen diese Fundamente der herrschenden
Verhältnisse, die Zäune der Lager, die sichtbaren und unsichtbaren
Grenzen untergraben, unser Wissen und unsere Erfahrungen im Widersetzen
verknüpfen.
Solidarität verbindet unsere Kämpfe für Befreiung
miteinander. Unsere Autonomie ist unsere Selbstorganisierung und die
Bewegungs-Freiheit, die wir uns nehmen; unser Widerstand richtet sich
gegen Lager, Abschiebung, sozialen Ausschluss und Migrationskontrolle.
Keine Lager, nicht hier und auch nicht anderswo!
Lager – überall in diesem Land gibt es diese Orte, die
auf keiner Landkarte verzeichnet sind.
Wir wollen neue Karten zeichnen. Landkarten des Widerstandes,
die sichtbaren Zäune und Mauern aktiv angreifen, laut herunterreißen
oder leise umschiffen, unterspülen, unterlaufen, uns nehmen,
was wir brauchen.
Laute und leise Neins des alltäglichen Widerstehens,
das laute und entschiedene Nein – NO! Lager – Anti-Lager
Für Bewegungsfreiheit. Anti-Lager action
Tour
Gegen Abschiebung und Ausgrenzung
20.8. – 5.9. 2004
Wir fordern die Schließung aller Lager:
Abschiebeknäste, Abschiebelager, Sammellager und die Abschaffung
des Residenzpflicht-Gesetzes! Schluss mit Abschiebungen!
Jeder Mensch hat das Recht, dort zu leben wo er will!
ANTI-LAGER-ACTION-TOUR 2004
BRAMSCHE-HESEPE
In Bramsche-Hesepe in der Nähe von Osnabrück, nicht weit
von der niederländischen Grenze, wurde mit der sog. Landesaufnahmestelle
(LASt) eine neue perfide Form des Abschiebelagers geschaffen. In der
ehemaligen Kaserne in Niedersachsen, später Grenzdurchgangslager
für sog. SpätaussiedlerInnen und jüdische EmigrantInnen
aus der SU, wird seit November 2001 eine Ausreiseeinrichtung betrieben.
Die 200 Plätze in diesem Abschiebelager wurden im März 2004
auf 550 Plätze aufgestockt. Theoretisch wäre in dem Komplex
sogar eine Erweiterung auf 1200 Plätze möglich. Die massiven
Proteste im vergangenen Jahr gegen die Bedingungen im Abschiebelager
führten dazu, dass alleinstehende minderjährige Flüchtlinge
jetzt nicht mehr in dem Lager untergebracht werden. Jedoch: Für
die Kinder im Lager wurde im März diesen Jahres eine Lagerschule
eingerichtet, sog. "Förderklassen", damit haben jetzt
auch die Kinder keine Chance mehr auf Kontakte außerhalb des
Lagers. Die Abschottung wird damit perfekt. Auf dem Gelände befindet
sich die IOM und die Ausländerbehörde, aber es gibt keine
Rechtsberatung, keine medizinische oder psychologische Betreuung.
Während das Personal im Lager um mehr als ein Drittel gekürzt
wird, erhält die Bramscher Polizei mit der Aufstockung der Plätze
im Abschiebelager zwei neue Planstellen. Gegen die Isolation und das
Abdrängen von Menschen in die Rechtlosigkeit! Kein Mensch ist
illegal!
ABSCHIEBELAGER, “AUSREISEZENTREN”
Seit Anfang 1998 gibt es die ersten speziellen Abschiebelager (Projekt
X, “Ausreisezentren”) in der BRD. Mit ihnen schufen die
Innenministerien eine weitere Lager-Variante im bereits bestehenden
bundesdeutschen Lagersystem. Obwohl Abschiebung oder die sog. “freiwillige”
Ausreise das offizielle Ziel ist, handelt es sich tatsächlich
um Illegalisierungslager - auf die dort eingewiesenen Flüchtlinge
wird soviel Zwang und Druck ausgeübt, dass die Hälfte es
vorzieht, in die totale Rechtlosigkeit abzutauchen. Dies ist aus Sicht
der Behörde ein Erfolg, geschaffen werden weitere Papierlose
und irreguläre ArbeiterInnen. Flüchtlinge, deren Asylantrag
abgelehnt wurde, deren Abschiebung aber z.b. mangels Passpapieren
nicht realisierbar ist, werden ins Abschiebelager geschickt. "Verfügung
einer Wohnsitznahmeverpflichtung als Auflage zur Duldung" heißt
im Behördenjagon, was einer Zwangseinweisung gleichkommt. Die
betroffenen Flüchtlinge, die schon viele Jahre in Deutschland
lebten, müssen ihre Wohnung verlassen, ihren Wohnort, ihr soziales
Umfeld, ggf. ihre Arbeit aufgeben, Kinder ihre Schule, und sich viele
Kilometer weit weg ins Abschiebelager begeben. Den Flüchtlingen
in diesen Lagern wird das (Taschen-)Geld gestrichen, sie werden ständig
kontrolliert, ihre Zimmer z.T. durchsucht, Gegenstände, die sie
angeblich nicht besitzen dürfen, werden weggenommen. Sie müssen
sich regelmäßig melden, werden unregelmäßig
verhört, mürbe gemacht und unter Druck gesetzt, auf dass
sie Deutschland endlich verlassen. Dies bedeutet einen permanenten
Stresspegel für die Betroffenen; dem psychischen Druck und der
massiven Einschränkung der Lebensgestaltung ist schwer standzuhalten.
Die Einführung der sog. Ausreisezentren in verschiedenen Bundesländern
war von Widerstand innerhalb und außerhalb der Lagerzäune
begleitet. In Bayern konnte die Landesregierung nach permanenten Protesten
bis hin zu den Aktionstagen in Fürth im vergangenen Jahr keine
weiteren “Ausreisezentren” mehr durchsetzen. Mittlerweile
sind v.a. in Bayern und Niedersachsen jedoch neue Varianten von Abschiebelagern
eingerichtet worden, die nicht mehr offiziell als solche bezeichnet
werden. In Bramsche (Niedersachsen) werden Menschen, die erst kürzlich
nach Deutschland eingereist sind und sich noch im Asylverfahren befinden,
aber angeblich keine Aussicht auf Asyl-Anerkennung haben, dort eingewiesen.
NEUSS
In Neuss (NRW) befindet sich seit 1993 der bundesweit einzige Frauen-Abschiebeknast.
Der Knast liegt mitten in der Neusser Innenstadt in einer ruhigen
Wohnstraße und wird kaschiert durch eine unauffällige Fassade.
In dem Knast sind momentan zwischen 60-80 Frauen eingesperrt, darunter
immer wieder Schwangere und Minderjährige. Die Frauen werden
willkürlich in Zweier- und Sechserzellen gesperrt. Gegessen wird
in den 9 m² kleinen Zellen. Auch das Waschbecken und die Toilette
befinden sich in der Zelle, nur durch einen Vorhang abgetrennt. Die
medizinische Versorgung ist unzulänglich. Einen psychologischen
Dienst gibt es für sie nicht, auch keine hauptamtliche Sozialarbeiterin
und keine juristische Beratung. Der einzige Grund für die Inhaftierung
der Frauen ist ihre Migration in die BRD.
ABSCHIEBEKNAST
Abschiebeknäste sind die extremste Form von Flüchtlings(-Internierungs)lagern
in der BRD. Abschiebeknast bedeutet: Bis zu 18 Monaten eingeknastet
hinter hohen Mauern und Sicherheitsdraht, bewacht von bewaffneten
SicherheitsbeamtInnen. Zellen, Schließzeiten, Hofgang, eingeschränkte
Besuchszeiten, eingeschränkte Telefonmöglichkeiten, ausgeliefert
der Willkür des Personals, der Willkür des Rechtsstaats.
Das Warten auf die Abschiebung oder die Selbstaufgabe in Form der
"freiwilligen" Ausreise lassen keinen Spielraum. Es bleibt
nur die Hoffnung für die, die anwaltlichen Beistand haben, auf
positive Entwicklungen. Immer wieder gibt es in Abschiebeknästen
kollektive oder individuelle Hungerstreiks, versuchte und auch realisierte
Selbstmorde. Deshalb: Solidarität stärken! Weg mit dem Knast!
Bleiberecht für Alle!
HANNOVER
Hannover, Abschiebeflughafen - auch von hier aus werden Flüchtlinge
zwangsabgeschoben. Jedes Jahr werden in der BRD 50.000 Menschen vom
Bundesgrenzschutz abgeschoben. Dabei kommt es immer wieder zu Todesfällen,
wie zuletzt am 28.Mai 1999, als der sudanesische Flüchtling Aamir
Ageeb bei seiner Abschiebung von Frankfurt am Main nach Khartoum von
Beamten des Bundesgrenzschutzes erstickt wurde.
In Hannover-Langenhagen, direkt neben dem Flughafen, betreibt das
Land Niedersachsen seit 2000 ein zentrales Abschiebegefängnis.
Dort sind bis zu 250 Flüchtlinge interniert. Gleich im ersten
Jahr nach Eröffnung erhängte sich dort am 8 .Dezember 2000
der 17jährige tamilische Flüchtling Arumugasamy Subramaniam,
der nach Sri Lanka abgeschoben werden sollte. Künftig sollen
auch noch Flüchtlinge aus Bremen in den Abschiebeknast Hannover
gebracht werden, denn ÄrztInnen in Bremen ließen sich nicht
als willfährige Helfershelfer bei Abschiebungen einspannen. Die
Landesregierung in Hannover war unter Schröder für das “Projekt
X”, dem ersten deutschen Modellversuch für ein “Ausreisezentrum”,
verantwortlich. Auch die aktuelle CDU-Regierung propagiert ein geschlossenes
Lager-System für Flüchtlinge und würde jeden Kontakt
zu potentiell solidarischen Menschen in Kommunen am liebsten verhindern.
Smash racist structures!
HALBERSTADT
In den drei 5-stöckigen Plattenbaublöcken mit insgesamt
1200 Plätzen wurden bis zum Mai diesen Jahres an die 1000 Flüchtlinge
in der Zentralen Erstaufnahmestelle (ZASt) Sachsen-Anhalts untergebracht.
Von dort aus wurden bzw. werden sie in die einzelnen Landkreise „umverteilt“.
Das Sammellager in den Gebäuden der ehemaligen Kaserne der Roten
Armee liegt 7 km außerhalb der Stadt auf freiem Feld (ca. 1h
Fußweg) und ist durch Videoüberwachung, Wachdienst und
Umzäunung gesichert. Die Ghettoisierung ist beabsichtigt. Auf
dem Gelände befinden sich Außenstellen von: Sozialamt,
Gesundheitsamt, Bundesamt für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge (BAFl), Ausländerbehörde und Kriminalpolizei.
Ca. 100 Menschen befinden sich im sog. Ausreisezentrum auf der vierten
Etage des ersten Blocks. Es sind “die Flüchtlinge mit dem
blauen Ausweis”. Nachdem sie meist über Jahre hinweg in
den Unterkünften der einzelnen Landkreise gelebt haben, wurden
sie zwangsweise wieder in das Lager eingewiesen, wo ihre Odyssee in
Sachsen-Anhalt begann. Dieses Mal ist die Lagereinweisung jedoch für
unbestimmte Zeit.
Das “Ausreisezentrum” wurde nach zweijähriger Modellphase
Anfang diesen Jahres von der Landesregierung als Erfolg gewertet und
als feste Institution eingerichtet.
Neben den schon bestehenden Repressionsmaßnahmen wie Entzug
jeglichen Bargeldes, Essenspakete, Einschränkung der medizinischen
Leistungen, Ausstellung von Duldungen für nur wenige Tage und
ständige Befragungen setzt das Innenministerium derzeit neue
Bestimmungen durch. Das Abschiebelager wird auf 250 Plätze aufgestockt.
Neben alleinreisenden Männern und kinderlosen Ehepaaren sollen
nun auch alleinreisende Frauen in einem separaten Frauenblock eingewiesen
werden. Die Flüchtlinge in der Erstaufnahme sollen von denen
mit blauen Ausweisen räumlich getrennt werden. Außerdem
lockt das Ministerium mit Repressions-Erleichterungen (Aufhebung der
Wohnsitzpflicht, Auszahlung eines Taschengeldes und Erlaubnis zur
Erwerbstätigkeit), um von den Flüchtlingen eine „Mitwirkung“
an der Passbeschaffung und damit an der eigenen Abschiebung abzupressen.
Zäune runter! Wohnungen her!
Abschiebelager schließen!
PARCHIM, TRAMM/ZAPEL
In der “Gemeinschaftsunterkunft” Tramm/Zapel bei Parchim
in Mecklenburg-Vorpommern sind 200 AsylbewerberInnen untergebracht,
auch Familien. Kinder, die hier geboren sind, kennen dieses Land nur
aus dem Sammellager. In drei runtergekommenen Wohnblöcken einer
ehemaligen Kaserne, mitten im Wald mit Stacheldraht-Umzäunung,
Videoüberwachung, Eingangskontrolle mit Schäferhund und
Wachdienst, wird jeder Schritt der BewohnerInnen registriert: es ist
ein gestaffeltes Kontrollsystem. Pro Block gibt es lediglich 2 Küchen,
der nächste Ort mit Einkaufsmöglichkeit ist 9 km Fußweg
entfernt, für den Bus reicht das Geld meist nicht. In dem Sammellager
kommt es immer wieder zu Protesten – gegen die Isolation, die
Kontrolle, die verweigerte medizinische Versorgung, die Ausgabe der
reduzierten Leistungen in Form von stigmatisierenden Gutscheinen.
So wurden nachts Wandbilder an die Wand gegenüber der Ausländerbehörde
gemalt: eine geöffnete Tür zeigt dahinter wiederum Gitterstäbe.
Überschrieben mit der Forderung "Flüchtlingsrecht"
zeigen die Bilder die Hoffnungslosigkeit und Knastgefühle in
dieser Unterkunft. Die Polizei ermittelt gegen unbekannt. Die BewohnerInnen
protestieren weiter gegen ihre abgeschiedene Unterbringung im Wald
und sprechen ironisch von "Dschungelheim". Ihre Forderung:
ein Umzug in die Kleinstadt Parchim, als ersten Schritt. Eine solche
Umverteilung haben sich die BewohnerInnen aus der ehemaligen Unterkunft
in Peeschen erkämpft. Obwohl ein Erlass des Innenministeriums
von 2001 vorschreibt, dass alle AsylbewerberInnen in der Nähe
von kulturellen Zentren unterzubringen sind, wäre auch diese
Unterkunft ohne Druck von Innen wohl nie geschlossen worden. Die damaligen
BewohnerInnen verliehen ihren Forderungen z.B. Nachdruck, indem sie
die BeamtInnen der Ausländerbehörde durch eine Straßenblockade
festsetzten. Wir wollen die Proteste der Flüchtlinge in dem abgelegenen
Sammellager unterstützen und die Landesregierung in Schwerin
unseren Zorn spüren lassen !
BERLIN
ABSCHIEBEKNAST BERLIN-GRÜNAU
Grünau ist ein Stadtteil von Köpenick. Circa 210 Menschen
werden hier eingeknastet, um abgeschoben zu werden. Seit über
einem Jahr wehren sich die Insassen verstärkt gegen die menschenunwürdigen
Zustände im Knast, Anfang letzten Jahres gab es hier einen der
größten kollektiven Hungerstreiks in der Geschichte deutscher
Abschiebeknäste.
HAUPTSTADT: Wir werden etwas Feines mitbringen nach Berlin, um in
der Bundeshauptstadt unseren Unmut kund zu tun.
EISENHÜTTENSTADT
In Eisenhüttenstadt, 120 km östlich von Berlin, befinden
sich die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung (ZABH) und der Abschiebeknast
des Landes Brandenburg gemeinsam auf dem Gelände einer ehemaligen
Kaserne. Beides liegt in der 30km-Zone an der polnischen Grenze, die
noch bis Mai diesen Jahres eine Außengrenze der Festung Euopa
war. Der Ort ist berüchtigt. Im Abschiebeknast gibt es nach wie
vor einen Raum, die sogenannte "Beruhigungszelle", in dem
Menschen z.T. mehrere Stunden eingesperrt und ausgestreckt gefesselt
werden. Diese Anwendung von menschenverachtender Behandlung konnte
zwar aufgedeckt werden, jedoch hat sich trotz des Berichtes vom Europäischen
Komitee zur Verhütung von Folter (CPT) aus dem Jahr 2000 bis
heute nicht viel geändert. Lediglich die zuvor für die Fesselungen
verwendeten, im Boden eingelassenen Eisenringe wurden entfernt und
durch ein "Gurtsystem" an einem Bettgestell ersetzt. Letztes
Jahr wurde z.B. ein Mann 42 Stunden innerhalb von 3 Tagen gefesselt
und rund um die Uhr videoüberwacht. Für die Menschen im
Abschiebeknast ist eine ausreichende medizinische Versorgung nicht
gewährleistet: Das einzige medizinische Personal ist eine Krankenschwester,
ein Arzt kommt zweimal in der Woche und verschreibt i.d.R. nur Schmerz-
und Beruhigungsmittel. Flüchtlingen wurde mitgeteilt, dass sie
auch bei schweren Erkrankungen nicht ins Krankenhaus könnten,
weil sie den Aufenthalt dort bezahlen müssten. Die Arbeitsgemeinschaft
Ausländer- und Asylrecht des Deutschen Anwaltsvereins bat im
Jahr 2002 das brandenburgische Innenministerium um die Genehmigung,
eine regelmäßige Rechtsberatung anbieten zu dürfen.
Das Innenministerium lehnte dieses ab, angeblich bestünde kein
Bedarf.
Die maximal mögliche Haftdauer beträgt für Abschiebehäftlinge
derzeit 1,5 Jahre. Auch wenn es nur einige Aktionstage sind - die
Menschen drinnen sollen wissen, dass wir da sind, um von der deutschen
West- bis zur Ostgrenze an dem System der Abschiebeknäste und
Lager zu rütteln !
ABSCHIEBEKNAST
Abschiebeknäste sind die extremste Form von Flüchtlings(-Internierungs)lagern
in der BRD. Abschiebeknast bedeutet: Bis zu 18 Monaten eingeknastet
hinter hohen Mauern und Sicherheitsdraht, bewacht von bewaffneten
SicherheitsbeamtInnen. Zellen, Schließzeiten, Hofgang, eingeschränkte
Besuchszeiten, eingeschränkte Telefonmöglichkeiten, ausgeliefert
der Willkür des Personals, der Willkür des Rechtsstaats.
Das Warten auf die Abschiebung oder die Selbstaufgabe in Form der
"freiwilligen" Ausreise lassen keinen Spielraum. Es bleibt
nur die zarte Hoffnung für die, die anwaltlichen Beistand haben,
auf positive Entwicklungen. Immer wieder gibt es in Abschiebeknästen
kollektive oder individuelle Hungerstreiks, versuchte und auch realisierte
Suizide. Deshalb: Solidarität stärken! Weg mit dem Knast!
Bleiberecht für Alle!
ABSCHIEBELAGER, “AUSREISEZENTREN”
Seit Anfang 1998 gibt es die ersten speziellen Abschiebelager (Projekt
X, “Ausreisezentren”) in der BRD. Mit ihnen schufen die
Innenministerien eine weitere Lager-Variante im bereits bestehenden
bundesdeutschen Lagersystem. Obwohl Abschiebung oder die sog. “freiwillige”
Ausreise das offizielle Ziel ist, handelt es sich tatsächlich
um Illegalisierungslager - auf die dort eingewiesenen Flüchtlinge
wird soviel Zwang und Druck ausgeübt, dass die Hälfte es
vorzieht, in die totale Rechtlosigkeit abzutauchen. Dies ist aus Sicht
der Behörde ein Erfolg, geschaffen werden weitere Papierlose
und irreguläre ArbeiterInnen. Flüchtlinge, deren Asylantrag
abgelehnt wurde, deren Abschiebung aber z.b. mangels Passpapieren
nicht realisierbar ist, werden ins Abschiebelager geschickt. "Verfügung
einer Wohnsitznahmeverpflichtung als Auflage zur Duldung" heißt
im Behördenjagon, was einer Zwangseinweisung gleichkommt. Die
betroffenen Flüchtlinge, die schon viele Jahre in Deutschland
lebten, müssen ihre Wohnung verlassen, ihren Wohnort, ihr soziales
Umfeld, ggf. ihre Arbeit aufgeben, Kinder ihre Schule, und sich viele
Kilometer weit weg ins Abschiebelager begeben. Den Flüchtlingen
in diesen Lagern wird das (Taschen-)Geld gestrichen, sie werden ständig
kontrolliert, ihre Zimmer z.T. durchsucht, Gegenstände, die sie
angeblich nicht besitzen dürfen, werden weggenommen. Sie müssen
sich regelmäßig melden, werden unregelmäßig
verhört, mürbe gemacht und unter Druck gesetzt, auf dass
sie Deutschland endlich verlassen. Dies bedeutet einen permanenten
Stresspegel für die Betroffenen; dem psychischen Druck und der
massiven Einschränkung der Lebensgestaltung ist schwer standzuhalten.
Die Einführung der sog. Ausreisezentren in verschiedenen Bundesländern
war von Widerstand innerhalb und außerhalb der Lagerzäune
begleitet. In Bayern konnte die Landesregierung nach permanenten Protesten
bis hin zu den Aktionstagen in Fürth im vergangenen Jahr keine
weiteren “Ausreisezentren” mehr durchsetzen. Mittlerweile
sind v.a. in Bayern und Niedersachsen jedoch neue Varianten von Abschiebelagern
eingerichtet worden, die nicht mehr offiziell als solche bezeichnet
werden. In Bramsche (Niedersachsen) werden Menschen, die erst kürzlich
nach Deutschland eingereist sind und sich noch im Asylverfahren befinden,
aber angeblich keine Aussicht auf Asyl-Anerkennung haben, dort eingewiesen.
Für Bewegungsfreiheit - ANTI-LAGER -ACTION-TOUR gegen Abschiebung
und Ausgrenzung!
Millionen von Menschen sind in der so genannten dritten Welt durch
die direkten Angriffe kolonialer Unterwerfung und deren Folgen gestorben.
Heute werden sie weiter ausgebeutet und sind den Auswirkungen neokolonialer
und kapitalistischer Machenschaften ausgesetzt. Menschen fliehen vor
Krieg, Verfolgung und weil ihnen ihre Lebensgrundlagen entzogen wurden.
Andere sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Die reichen kapitalistischen
Länder aber schotten sich immer weiter ab und rüsten ihre
Grenzen immer weiter auf. Es gibt fast keine Möglichkeiten mehr,
gefahrlos in die westlichen Länder zu migrieren. Viele Menschen
sterben auf der Flucht. Dennoch gelingt es zahlreichen, diese Länder
zu erreichen. Hier angelangt werden sie rassistisch angefeindet, kontrolliert
und oft in Lager gezwungen, festgenommen und abgeschoben.
Ausgrenzen, kontrollieren, abschieben - das dezentrale Lagersystem
in der BRD
Weltweit werden in den letzten Jahren immer neue Typen von Flüchtlingslagern
entwickelt - auch in der BRD. Hier entstehen so genannte „Ausreisezentren“,
die tatsächlich Abschiebelager sind. Die Lagerformen in der BRD
reichen heute von Pensionen in der Großstadt, großen Gemeinschaftsunterkünften
irgendwo im Wald, Abschiebelagern bis zu Abschiebeknästen. Zu
einem System wird das Ganze durch rassistische Sondergesetze wie die
Residenzpflicht. Sie verbietet Flüchtlingen, ohne Genehmigung
den Landkreis zu verlassen, in dem ihre Unterkunft liegt. Insgesamt
sind zur Zeit ca. 600.000 Menschen den Bedingungen im bundesdeutschen
Lagersystem unterworfen. Am Ende der Lagerunterbringung steht für
Flüchtlinge der Abschiebeknast und das Abschiebelager –
und dessen Ausgang ist entweder das „Abtauchen“ in die
völlige Rechtlosigkeit der so genannten Illegalität oder
die Abschiebung.
Migration unerwünscht - die politische Zielrichtung des Lagersystems
Mit dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) und der Änderung
des Ausländergesetzes 1993 wurde das Grundrecht auf Asyl faktisch
abgeschafft. Im AsylbLG wird das Arbeitsverbot für AsylbewerberInnen
und die Auszahlung der - drastisch reduzierten - Hilfe zum Lebensunterhalt
in Form von Sachleistungen geregelt. Damit soll die BRD als Einwanderungsland
unattraktiv werden, wie es schon in den 80er Jahren der damalige baden-württembergische
Ministerpräsident Lothar Späth zum einjährigen Bestehen
des ersten Sammellagers der BRD erklärte: „Die Buschtrommeln
sollen signalisieren – geht nicht nach Baden-Württemberg,
dort müsst ihr ins Lager.“ Dazu kommt die Effektivität
stumpfer rassistischer Stimmungsmache. Erst durch die Unterbringung
vieler Flüchtlinge in alten Kasernen wird das Bild der „Überflutung
Deutschlands durch die Armen der Welt“ produziert.
Ausbeuten, Verwerten - die ökonomische Ausrichtung des Lagersystems
Ökonomisch gesehen ist das Lagersystem eine Art Scharnier zwischen
den regulären und irregulären Arbeitsmarktsegmenten. In
den Bundesländern mit einer niedrigen Arbeitslosenquote beispielsweise
stellt das Lagersystem billige ArbeiterInnen für unqualifizierte
Jobs zur Verfügung – in Baden-Württemberg etwa arbeiten
offiziell ca. 40 % aller AsylbewerberInnen. Die BewohnerInnen der
Lager in Ostdeutschland pendeln zwischen ihren monatlichen Sozialamtsterminen
und ihrer Arbeit im Westen – sie sind Teil der ca.1,5 Millionen
ArbeiterInnen ohne Papiere, die hier die „schmutzigen“
und körperlich schweren Arbeiten verrichten.
Der Wohlstand schottet sich ab - das Lagersystem der EU
Ein EU-weites Lagersystem für Flüchtlinge befindet sich
zur Zeit im Aufbau. Bereits jetzt bestehen an den neuen EU-Außengrenzen
eine Reihe von Flüchtlingsauffanglagern. Hier werden Flüchtlinge,
die auf dem Weg in die kapitalistischen Zentren aufgegriffen werden,
bis zu ihrer Abschiebung interniert. Die EU-Administration plant außerdem
sog. „Transit Processing Center (tpc)“ an den EU-Außengrenzen
sowie in „sicheren“ Trikontländern. In die tpc’s
könnten Menschen, die in der EU einen Asylantrag gestellt haben,
bis zur Entscheidung ausgeflogen werden. Den äußersten
Kreis des Lagersystems bilden jetzt schon die so genannten „Regional
Protection Areas (rpa)“: Flüchtlinge sollen direkt in den
Kriegs- und Krisenregionen militärisch eingekreist und in Lagern
„vor Ort“ interniert werden. Die Internierung erfolgt
in Zusammenarbeit von Militär und NGO’s, wie dem UNHCR
und der IOM (International Organisation of Migration). Das Konzept
der Internierung vor Ort wurde bereits während des Irak- und
des Kosovokrieges sowie in Teilen des afrikanischen Kontinents angewendet.
Dieses Lagersystem ist Bestandteil des Versuchs, Migration weltweit
zu kontrollieren und nach ökonomischen und politischen Kriterien
zu steuern.
Recht auf Rechte - die Spitze des Eisberges...
Das Lagersystem stellt die extremste Form gesellschaftlichen Ausschlusses
von Menschen ohne deutschen Pass dar: Menschen werden mit unterschiedlichen
Rechten ausgestattet und ihre Verwertbarkeit reguliert. Wir treten
ein für den unterschiedslosen Zugang zu Rechten, gegen Unterdrückung
und Ausbeutung auf allen Ebenen und entlang aller Herrschaftsstrukturen.
Jeder Mensch hat das Recht, dort zu leben, wo er es will. Wir erweitern
den Begriff des politischen Flüchtlings durch die Aussage von
Flüchtlingsorganisationen, „wir sind hier, weil ihr unsere
Länder zerstört“. Das bedeutet die Ablehnung einer
Hierarchisierung von Flucht- oder Migrationsgründen: Egal, ob
Menschen wegen Folter oder Unterdrückung, aufgrund von Beschneidung
und Zwangsheirat oder Hunger und Armut oder einfach wegen der Hoffnung
auf ein besseres Leben geflohen sind. Zusammen haben wir die Chance,
erfolgreich für ein besseres Leben überall zu kämpfen.
Viele sind hier, wir sind hier und wir kämpfen gemeinsam gegen
diese Politik der Lager und für unsere Rechte! Recht zu bleiben,
Recht zu wohnen, Recht auf ein Auskommen, Recht auf ein würdiges
Leben! Wir solidarisieren uns mit den Kämpfen aller, die die
Residenzpflicht überschreiten, die sich gegen ihre Unterbringung
wehren, die gegen ihre Abschiebung und für ihr Recht zu bleiben
kämpfen!
ANTI-LAGER-ACTION-TOUR 2004
| 20.-24. August |
Camp in BRAMSCHE (Niedersachsen) |
| 22. August |
Demo in NEUSS (NRW) (spez. FrauenLesbenTrans-Mobilisierung) |
| 25.-26. August |
HANNOVER |
| 26. August |
HALBERSTADT (Sachsen-Anhalt) |
| 27.-31. August |
Camp in PARCHIM-TRAMM/ZAPEL (Meck.-Pomm.) inkl. Aktionstag in
SCHWERIN |
| 01. September |
BERLIN |
| 02.-05. September |
Camp in EISENHÜTTENSTADT (Brandenburg) |
In ganz Europa expandieren Lager und der Widerstand dagegen: Über
17 Tage wollen wir mit der Anti-Lager-Tour grenzüberschreitend
von der niederländischen bis zur polnischen Grenze diesen Widerspruch
gegen das System der Lager und Zonierungen hörbar und spürbar
werden lassen und die Kämpfe in den Lagern mit Aktionen unterstützen.
Auch die verantwortlichen PolitikerInnen und SchreibtischtäterInnen,
die nutznießenden Unternehmen und Organisationen werden Ziele
unseren Widerstandes sein.
Die Tour sowie die drei Aktionscamps sind ein experimenteller Raum,
ein Laboratorium des gemeinsamen, selbstorganisierten Lebens und Protests,
das sich speist aus den Erfahrungen der antirassistischen Grenzcamps
der letzten Jahre, der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge
und MigrantInnen sowie der Aktionstage gegen das „Ausreisezentrum“
Fürth im vergangenen September. Es wird FrauenLesbenTrans-Räume
und -Schlafbereiche geben sowie Ansprechgruppen bei sexistischen oder
rassistischen Übergriffen. Bei Problemen mit dem rassistischen
Residenzpflicht-Gesetz wird kollektive Unterstützung angeboten.
Aktuelles zu den Orten und genaue Termine findet sich auf der Webseite.
Damit soll die Möglichkeit gegeben sein, im Vorfeld die Tour
mitzuplanen, Aktionen zu entwickeln, Veranstaltungen und Workshops,
zu organisieren - denn davon lebt die Tour.
Es wird VoKüs, Sanis, und ein Infozelt geben. Bringt Zelte und
Schlafsäcke mit- zusätzliche Schlafsäcke und Zelte
werden in großer Zahl benötigt für alle, die keine
Sachen haben. Bringt möglichst viele Autos mit. Zu Unterkünften
und Busplätzen während der Tour gibt es Informationen auf
der Webseite: www.nolager.de
Weitere Informationen:
www.nolager.de
www.camp-bramsche.de.vu
anti_lager_actiontour@no-log.org
Infotel:0163-4634594
The Voice Refugee Forum: 03641-665214, mobile 0174-7295853
Brandenburger Flüchtlingsinitiative: 0160-98623633
ViSdP: Dee Fencer, Waldweg 1, 65087 Grauwacke
Spenden
sind steuerlich absetzbar, wenn ihr Namen und Adresse auf dem Überweisungsträger
angebt.
Überweisungen an:
Arbeitskreis Asyl
Sparkasse Göttingen
Kto: 130450
BLZ 260 500 01
Stichwort: Anti-Lager-Tour