Hamburger Abendblatt vom 12.05.2006 zum Abschiebelager Bramsche
Endstation der Träume
Abschiebelager: Innenminister besucht Einrichtung un Bramsche. Bei Osnabrück leben abgelehnte Asylbewerber, die dazu bewegt werden sollen, Deutschland freiwillig wieder zu verlassen.
Von Ludger Fertmann
Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (rechts) diskutiert bei seinem Besuch mit Bewohnern der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Bramsche bei Osnabrück. Foto: DPA
Es ist ein erschreckendes Idyll. Die parkähnliche ehemalige Kasernenanlage vor den Toren der Stadt Bramsche bei Osnabrück beherbergt rund 500 Menschen, denen Niedersachsen keine Chance mehr geben will - abgelehnte Asylbewerber, viele Familien mit Kindern aus mehr als 30 Nationen. Was wie eine Ferienanlage aussieht - mit Sportplatz, Kindergarten und Speisesaal - ist die eingezäunte Endstation unzähliger Träume von einem besseren Leben in Deutschland.
Es ist ein langer wie quälend langweiliger Abschied. Arbeiten dürfen sie nicht, Geld haben sie nicht, das Abschiebelager liegt am Ende eines Feldwegs. Andererseits dauert es oft bis zu drei Jahre, ehe alle Papiere zusammen sind für die Abschiebung. Gestern immerhin gab es Abwechslung. Ausgerechnet der Mann, der für eine konsequente Abschiebepolitik steht, war gekommen, sich ein eigenes Bild zu machen: Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Ihm ging es gleich nach Nudeln mit Tomatensoße im Speisesaal vor allem um die Besichtigung jener Einrichtung, mit denen eine freiwillige Ausreise gefördert werden soll. Vermittelt werden den Betroffenen vor allem Grundkenntnisse für eine neue Existenz zu Hause - als Maler, Installateur, Schlosser. Knapp 120 Personen haben sich davon im vergangenen Jahr motivieren lassen, etwa 50 Menschen wurden mit Zwang ausgeflogen.
Aber Schünemann konnte sich gestern auch nicht um eben jenes Problem herumdrücken, das ihm den Vorwurf der Opposition eingebracht hat, er betreibe menschenverachtende Politik. Überall im Lager toben Kinder, über 30 von ihnen sind im Kindergarten. Der Minister spielt mit ihnen Tischfußball. In der Schule erklärt ihm eine 13jährige, daß es an ruhigen Orten zum Lernen fehlt. Der Minister erweist sich als gut unterrichtet: Hausaufgabenbetreuung in der Bibliothek bis 16.30 Uhr. Er hat Kinder, er kann mit Kindern.
Woran er in Bramsche nicht vorbeikommt, ist der Grundkonflikt von Ausländerpolitik, bei der unter Umständen Kinder für ihre Eltern büßen müssen, die etwa Sozialhilfeleistungen erschlichen haben und gehen sollen. Der Schulleiter im Lager ist erklärtermaßen stolz darauf, daß ein Dutzend seiner Schützlinge inzwischen die örtliche Grund- und Hauptschule besucht, vier Kinder haben es sogar auf die Realschule geschafft. Die Nachfrage, damit würden die Kinder doch besonders intensiv in dem Land sozialisiert, das sie verlassen müssen, versteht der Pädagoge nicht. Natürlich gehe man bei der Arbeit davon aus, "daß die Kinder eine Zukunft in Deutschland haben". Da schaut der Minister auf und widerspricht: "Unser Ziel ist die Abschiebung."
Später, vor Journalisten, wird Schünemann zu Protokoll geben, gerade das Schicksal von Familien mit Kindern sei natürlich "etwas, das berührt". Im Herbst trifft sich die Innenministerkonferenz um über eine Bleiberechtsregelung für Altfälle zu beraten. Vielleicht erinnert sich der Minister dann ja noch an Gegner beim Tischfußball. Der Neunjährige aus dem Irak und ein achtjähriger Libanese erinnern sich gern an das Match mit dem großgewachsenen freundlichen Mann: Sie haben gegen Schünemann ein Tor gemacht.
